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Steffen Blunk / AOK-Katalog 2019

Alles fließt

Große Leinwände stehen an den Wänden, einige stark farbig, fröhlich, andere wirken melancholisch und fast ein bisschen düster. Man ahnt den Entstehungsprozess: Farbe floss über die Leinwände hinweg, in alle Richtungen, Schicht um Schicht. Manchmal breitete sie sich pfützenartig aus, hinterlässt kleine Tümpel oder Teiche, mitunter bleiben Rinnsale, Bäche. An anderer Stelle bildeten sich Schlieren in den Farbpfützen wie Öl auf Wasser.

Und stets geht es in den Bildern der Berliner Künstlerin Annelen Käferstein ja auch um Wasser. Manchmal ist es, als tauche man hinein, dann meint man, Unterwasserwelten zu sehen, vielleicht Pflanzen oder längst Untergegangenes.

Auf anderen Bildern wieder ist es, als spiegelten sich Sonne und Wolken über dem Wasser. Geisterhafte Wesen scheinen um einen zu schweben wie in Brechts Gedicht „Vom Schwimmen in Seen und Flüssen“: „Der Himmel bietet mittags große Stille. / Man macht die Augen zu, wenn Schwalben kommen./ Der Schlamm ist warm. Wenn kühle Blasen quellen / Weiß man: Ein Fisch ist jetzt durch uns geschwommen.“

Annelen Käferstein hat von 1994 bis 2000 Kunst an der Universität der Künste Berlin studiert und ist Meisterschülerin von Prof. Henning Kürschner. Zur Kunst, zur Malerei hat es sie früh gezogen, auch zum Wasser: „Ich fand es schon immer faszinierend, sich seinen eigenen Kosmos zu erstellen. Und ich habe ganz frühe Erinnerungen an einen Blick unter Wasser, als ich das erste Mal im Mittelmeer getaucht bin. Das war eine für mich prägende Vision. Das Schwerelose, aber auch, dass es relativ ist, was vorne ist und was hinten oder oben und unten.“ Im Arbeitsprozess entsteht ein Bewusstseinsstrom, in dem „alles in jedem Moment neben- einander liegt: Erinnerungen, Wahr- nehmungen, Hoffnungen, Schönes, Lustiges und Trauriges“. 

Für Annelen Käferstein hat die Auseinandersetzung mit Farbe, mit ihrem Fließen und Wogen, viel mit dem Unbewussten zu tun. In der Serie „Solaris“, mit der sie sich für den AOK-Kunstpreis beworben hatte, sind die malerischen Flächen von fast realistischen Fragmenten und ein- gearbeiteten Collagen durchsetzt. „Das sind Erinnerungsfetzen von Räumen und Landschaften. Die Bilder haben etwas Anekdotenhaftes.“ In Stanislaw Lems Roman „Solaris“ ist es ein Ozean als lebendiges Wesen, der Menschen zu ihrem eigenen Unterbewussten führt und sie

in eine Auseinandersetzung mit längst Vergangenem zwingt. „Mich interessieren Bilder, in denen etwas Traumhaftes entsteht und deren Rätsel sich Erklärungsversuchen entziehen.“

Dr. Peter Funken​​

In ihrer Malerei arbeitet Annelen Käferstein konzentriert an Bilderserien in unterschiedlichen Formatgrößen, in denen sie eine Verbindung figürlicher und ungegenständlicher Darstellungen anstrebt und erreicht. Dergestalt ereignet sich in Annelen Käfersteins Kunst eine konsequente und sinnvolle Verbindung von intuitiv gestischen und konzeptuell geplanten Malaktionen. Produkte ihrer künstlerischen Tätigkeit sind Aquarelle sowie Leinwände von gleichsam surrealer Poesie bis hin zu abstrakt-harmonischen Formulierungen.

Aurel Schmidt

anlässlich der Ausstellung "doch" im Schlösschen Biberist- Bleichenberg/ Schweiz 2015

Während eines Stipendienaufenthalts 2009 in Solothurn schaute Annelen Käferstein von ihrem Atelier auf die Aare, die unter ihrem Fenster vorbeifloss, und sah nicht nur Wassermassen vorbeigleiten, sondern mehr noch einen Strom aus Farben, Tönungen, Mischungen, Stimmungen. Die Eindrücke hielt sie als Impressionen auf kleinen, dicht und poetisch bemalten Holzbrettchen fest. So, wie das fliessende Wasser sie inspirierte, so gewiss gehen die Farben in ihren Werken ineinander über, durchdringen sich und fangen selbst an zu fliessen. Alles ist im Fluss. Auf diese Weise ist der Bezug zum Wasser ebenso gegeben wie zu den Farben, die sich verbinden, die verschwimmen.

 

Wenn Annelen Käferstein sich auf grosse Formate einlässt, die gut und gern zwei bis zweieinhalb Meter Höhe und drei oder noch mehr Meter Länge erreichen, entsteht ein Blow-up, eine Steigerung, eine Dynamisierung, die den Betrachter ergreift und mitreisst, wie eine Überschwemmung. Man muss in das Bild eintauchen – anders geht es nicht. Weitere Bezüge zum Wasser. 

 

Oder man muss in das Bild eintreten wie in einen Raum, einen Farbraum. Das ist auch nicht weiter erstaunlich, wenn man zur Kenntnis nimmt, dass Käferstein die Leinwand auf den Boden legt und beim Malen selbst in das entstehende Bild hineintritt. Auch das Betrachten wird zu einem Betreten des Farbraums, vielleicht eines Farbtraums.

 

„Schwebewasser“ nennt sie ihre Bilder oder „Nachtwasser“. Farbe wird transparent und fängt an zu schweben, aber manchmal auch schwer zu werden. Dann glaubt man, in tiefe Schichten des Meers zu sinken und darin zu treiben. Annelen Käfersteins denkt sich nach eigenen Aussagen die Wirkung ihrer Farben als ein im Wasser gesehenes Lichtphänomen

Wie können Farben schweben? Mit dieser Fähigkeit der Farben kann durchaus ihre luzide, geistvolle, einleuchtende, aber ebenso auch lichtgeboreneEigenschaft gemeint sein. Wo Farbe ist, ist Licht, und wo Licht ist, glühen, strahlen, lodern die Farben – bis sie in einen psychedelischen Trip führen.   

Die Anregung zu ihrer Farbgestaltung nimmt Käferstein auch aus den lichtdurchfluteten Städten entlang der Mittelmeerküste – Marseille, Tanger, Algier – Sonne und Schatten – Vibrierendes Licht im Zenit des Tages – Albert Camus‘ literarische Essays  – Tipasa, wo die Götter wohnen –

 

Käferstein experimentiert mit den Farben. Sie trägt sie auf Leinwand auf, aber erhitzt sie auch auf Glas und Plexiglas, um durch diese Bearbeitung neue, überraschende Formen des ästhetischen Ausdrucks zu gewinnen. In diesem Fall – kann man sagen – gehen die Farben ihre eigenen Wege. Der eintretende Zufall ist gewollt, aber die absichtliche Komposition auf der Leinwand ist es genauso. Das Zusammenspiel von zufälliger Konstellation und und kalkulierter Setzung ist es, was ihr Interesse weckt. Und womit sie den einnehmenden Eindruck erzielt, den ihre Werke hinterlassen. 

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